Was ist Philosophische Praxis?

Der Begriff der “Philosophischen Praxis” wurde 1981 im Zusammenhang mit der ersten Gründung einer solchen Einrichtung im deutschsprachigen Raum durch Dr. Gerd B. Achenbach geprägt. 1982 konstituierte sich dann – zunächst unter seiner Leitung – die “Gesellschaft für Philosophische Praxis”, die mittlerweile als “Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis” zu einer Vereinigung geworden ist, der auch zahlreiche internationale Gesellschaften angehören und die sich als Vereinigung versteht, die unterwegs ist zum Begriff der Philosophischen Praxis und so der Sache bzw. der Theorie der Philosophischen Praxis dienen will. 

Bedeutung

Die philosophische Lebensberatung in der Praxis des Philosophen etabliert sich gegenwärtig als Alternative zu den Psychotherapien. Sie ist eine Einrichtung für Menschen, die Sorgen oder Probleme quälen, mit ihrem Leben “nicht zurechtkommen” oder meinen, sie seien irgendwie “steckengeblieben”; die von Fragen bedrängt werden, die sie weder lösen noch loswerden; die sich in der Prosa ihres Alltagslebens zwar bewähren, in vorerst unbestimmter Weise aber “unterfordert” fühlen – weil sie etwa ahnen, daß ihre Lebenswirklichkeit ihren Möglichkeiten nicht entspricht.

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Wie?

Philosophie wird auch nicht etwa “angewandt”, etwa so, daß die Angelegenheiten des Gastes mit Platon, mit Hegel oder wem sonst behandelt würden: Lektüren sind keine Heilmittel, die sich verordnen ließen. Geht denn jemand zum Arzt, wenn er krank ist, um sich medizinische Vorlesungen anzuhören? Also wird auch der Besucher der Praxis vom Philosophen nicht belehrt, etwa gar mit klugen Worten abgespeist, schon gar nicht mit “Theorien” bedient, sondern die Frage ist, ob der Philosoph seinerseits durch seine Lektüren klug und verständnisvoll und aufmerksam wurde, ob er sich auf diesem Wege ein Sensorium für das sonst wohl Übersehene erworben hat und ob er gelernt hat, auch in abweichendem, ungewöhnlichem Denken, Empfinden und Urteilen heimisch zu werden, denn nur als Mitdenkender und Mitempfindender vermag er seinen Besucher aus dessen Einsamkeit – oder Verlorenheit – zu befreien und ihn so vielleicht zu anderen Einschätzungen des Lebens und seiner Umstände zu bewegen.

Abgrenzung

Ist das nicht ebenso die Sache der Psychologen und Psychotherapeuten? Der Seelsorger auch? Unweigerlich stellt sich – im Zeichen einer noch immer florierenden Therapiekultur – diese Frage nach der “Abgrenzung” Philosophischer Praxis von den Psychotherapien.

Nun: Während der psycho-logische Blick darauf trainiert ist, Besonderes, Spezielles in spezieller Weise wahrzunehmen, vor allem psychogene, also psychisch bedingte Fatalitäten – der Psychologe und Psychotherapeut ist Spezialist, und dort, wo er nicht Spezialist ist, ist er Dilettant -, ist paradox gesagt der Philosoph Spezialist fürs Nichtspezielle, sowohl fürs Allgemeine und Übersichtliche (auch für die reiche Tradition des schon vernünftig Gedachten), ebenso aber fürs Widersprüchliche und Abweichende und mit besonderem Nachdruck: fürs Individuelle und Einmalige. Auf diese Weise nimmt der Philosoph in der Praxis seinen Besucher ernst: Er wird nicht theoriegeleitet – d. h. schematisch – verstanden, überhaupt nicht als “Fall einer Regel”, sondern als der einzige, der er ist.  Kein “Maßstab” befindet über ihn (auch nicht der einer “Gesundheit”), sondern die Frage ist, ob er sich selbst angemessen lebt – mit Nietzsches berühmt gewordenem Wort: ob er wurde, der er ist. Zu ergänzen ist, daß sich die Philosophische Praxis keineswegs nur als individuelle Beratung bewährt, sondern ebenso (seit Jahren bereits) Unternehmen, Organisationen, Verbände in ihren Versuchen unterstützt, ihren Auftrag, solide Grundsätze und orientierende Leitlinien zu finden.

[vgl. den Artikel “Praxis, Philosophische” von Odo Marquard im “Historischen Wörterbuch der Philosophie”, hg. v. Joachim Ritter u. a., Bd. VII, Basel 1989, 1307f]

Literatur zur Philosophischen Praxis

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Für wen?

In der Philosophischen Praxis melden sich Menschen, denen es nicht genügt, nur zu leben oder bloß so durchzukommen, die sich vielmehr Rechenschaft zu geben suchen über ihr Leben und sich Klarheit zu verschaffen hoffen über dessen Kontur, sein Woher, Worin, Wohin. Ihr Anspruch ist nicht selten, einmal über die besonderen Umstände, die oftmals sonderbaren Verstrickungen und den seltsam uneindeutigen Verlauf ihres Lebens nachzudenken. Kurz: Sie suchen die Praxis des Philosophen auf, weil sie verstehen und verstanden werden wollen.

Was?

Dabei ist es fast nie die Kantische Frage “Was soll ich tun?”, die sie bewegt, häufig hingegen die Frage Montaignes – und die lautet: “Was tue ich eigentlich?” Dabei mag im Hintergrund die älteste philosophische Weisheit als Einsicht vorhanden sein, die Maxime des Sokrates nämlich, wonach nur ein geprüftes Leben lebenswert sei. Womöglich meldet sie sich als schemenhafte Befürchtung, ein bloß so hingelebtes Leben sei im emphatischen Sinne ein “nicht wirklich gelebtes” Leben, ein “vertanes”, irgendwie “verpaßtes”, zerstreutes, um sich selbst gebrachtes Leben. Schopenhauer: “Die Meisten werden, wenn sie am Ende zurückblicken, finden, daß sie ihr ganzes Leben hindurch ad interim gelebt haben, und verwundert seyn, zu sehn, daß Das, was sie so ungeachtet und ungenossen vorübergehen ließen, eben ihr Leben war, eben Das war, in dessen Erwartung sie lebten. Und so ist denn der Lebenslauf des Menschen, in der Regel, dieser, daß er, von der Hoffnung genarrt, dem Tode in die Arme tanzt.”

Wer dies als schreckliche Möglichkeit ahnt, dem mag die Belastung seines Lebens durch die philosophische Reflexion wie eine Verheißung erscheinen, indem die philosophische Haltung zum Leben tatsächlich die einer respektvollen Überforderung ist: so verleiht sie unserem Dasein Gewicht, unserem Hiersein Bedeutung und unserer Gegenwart Sinn. Üblicherweise gibt es Anlässe, durch die der Gast der philosophischen Beratung zum Entschluß kam, das Gespräch mit dem praktizierenden Philosophen zu suchen. Und dann vermutet er – wenn auch undeutlich -, was Karl Popper als die Aufgabe der Philosophischen Praxis bestimmt hat, noch bevor es sie gab: Auf der Seite des Philosophen setzt das übrigens die Haltung voraus, die den andern “ohne Billigung und Tadel” (mit einer Wendung Goethes) zu würdigen weiß, ohne ihm zustimmen zu müssen. 

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